Ratsame Übungen

Fingerpräsenzübung

Wie der Homunculus zeigt, jene Darstellung des Menschen, in der die Größen der Körperteile in Relation ihrer Präsenz im Gehirn zueinander dargestellt werden, sind die Hände und Finger im Gehirn wesentlich stärker repräsentiert, als beispielsweise die Füße oder Zehen. Diese Präsenz ist bis ins hohe Alter veränderbar, je nachdem wie wir unsere Körperteile benutzen. Lernt jemand beispielsweise mit den Zehen zu greifen, schreiben oder malen, so wird sich mit der Zeit deren Präsenz im Gehirn erhöhen. Ebenso verändert sich natürlich auch die Präsenz der Finger und Hände, wenn jemand Klavier spielt oder entsprechend nur die der linken Hand, wenn jemand Geige spielt.

Wer sich mit den Mechanismen der „MOTORISCHEN FALLE“ auseinandergesetzt hat, weiß, dass der Wahrnehmung einer Bewegung ihre zunehmende Automatisierung massiv im Wege steht und vermutlich auch ihrer Präsenz. Und genau hier setzt meine FINGERPRÄSENZÜBUNG an. Sie bewirkt eine enorme Steigerung der Wahrnehmung und der Präsenz, ohne dass Bewegungen stattfinden, die sich automatisieren könnten.

Man lege beide Hände auf die (bekleideten) Oberschenkel. (Wenn die Finger Berührung mit der eigenen Haut haben, greift die Übung schlechter!) Nun konzentriere man sich auf alle 10 Finger gleichzeitig, wie sie den Stoff berühren, als ob man Fehler im Stoffmuster ertasten sollte, max. 10 Sekunden. Dann muss dieser Vorgang bewusst beendet werden! Nun hat man eine Vorstellung, wie deutlich oder auch undeutlich der „Empfang“ (damit meine ich die gleichzeitige Wahrnehmung der Finger) war. Schwankte er? Gingen einzelne Finger wieder verloren, usw.? Jetzt konzentriere man sich in gleicher Weise nur auf den 1. Finger in beiden Händen gleichzeitig. Das geht im Allgemeinen sehr leicht und beide Daumen werden mit größter Deutlichkeit wahrgenommen. Es gilt nun diese größere Deutlichkeit zu halten, während man den 2. Finger in beiden Händen spiegelbildlich, dann den 3. usw. hinzufügt. Bei allen 10 Fingern angekommen, nehme man die beiden 1. Finger, dann die 2. Finger usw. wieder heraus bis am Ende nur noch die beiden 5. Finger übrig bleiben, was in der Regel wieder als sehr einfach empfunden wird. Jede Situation sollte 10 Sekunden nicht überschreiten, aber auch 5 Sekunden nicht unterschreiten! Wenn dieser Durchgang beendet ist, kann man nochmals alle 10 Finger gleichzeitig aufrufen. Man stellt schon bereits nach einem Durchgang eine Verbesserung der Wahrnehmung im Vergleich zu dem ersten Aufrufen der 10 Finger fest.

Um die optimale Wirkung dieser Übung auszunutzen sollte man bestimmte Bedingungen beachten: Die Finger sollten alle Bewegungslos aufliegen! Sich auf einen Finger nicht mehr zu konzentrieren gelingt nur, indem man sich eben auf die anderen konzentriert! Kein geschalteter Zustand sollte länger als 10 Sekunden gehalten werden! Jeden Zustand sollte man bewusst wieder abschalten! (Wer hierzu Fragen hat, kann sich gerne an mich wenden.) Man sollte sie daher nicht vorm Einschlafen einsetzen, auch wenn man damit sicherlich gut in den Schlaf gelangt. Diese Übung ist leicht in vielen alltäglichen Situationen anwendbar. Man benötigt kein Instrument dazu. Einziger Nachteil ist: weil sie so einfach ist, vergisst man sie zu machen.

Wenn ein Schüler diese Übung einsetzt, fällt es mir direkt bei den ersten Tönen der nächsten Stunde auf, auch wenn ich vergessen haben sollte, dass ich sie aufgegeben hatte. Sie greift sehr schnell, wirkungsvoll, hörbar und sichtbar und für den Spieler spürbar in die Wahnehmung und damit auch in die Fähigkeit der Bewegungssteuerung ein.

Nach dem Vorbild dieser Übung empfehle ich auch immer wieder im Spiel Maßnahmen zur Vertiefung oder Präzisierung der Wahrnehmung, die nach meiner Beobachtung wesentlich besser greifen als Übungen, die auf Wiederholung und damit auf Automatisierung setzen und sich damit oft ins Gegenteil ihrer beabsichtigten Wirkung umkehren.

Erweiterte Form der Fingerpräsenzübung:
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Erweiterte Form der Fingerpräsenzübung:

Bei der erweiterten Fingerpräsenzübung geht es darum, zwei Wahrnehmungsebenen herzustellen. Wie bei der einfachen Form der Fingerpräsenzübung beschrieben, werden nun drei Finger in den Vordergrund gehoben und im Bewusstsein festgehalten, während man schwach die beiden übrigen Finger beleuchtet. Auch hier gilt: jeden Vorgang bewusst wieder abbrechen, damit er sich nicht ungewünscht von selbst verliert.

Am besten nimmt man sich hier (auch wieder spiegelbildlich in beiden Händen) folgende Fingerkombinationen vor:

1,2,3 im Vordergrund. Die übrigen Finger (also hier 4 und 5 im Hintergrund), dann mit 1,2,4 dann 1,2,5 dann 2,3,4 / 2,3,5 / 2,4,5 und schließlich 3,4,5 im Vordergrund. Die beiden jeweils übrigen Finger im Hintergrund. Die angegebenen Kombinationen sind so aufgebaut, dass jede mögliche Kombination einmal vorkommt.

Diese Übung fördert enorm das gleichzeitige Kontrollieren von verschiedenen Wahrnehmungsebenen, wie sie bei der differenzierten Klangerzeugung in der Klaviermusik spätestens ab der Romantik erforderlich sind. Natürlich auch in der barocken Polyphonie, wenn man sie denn dem Klavier angemessen spielen will.

Unabhängig von der Fokusierung auf die Ernste Musik ermöglichen die Fingerpräsenzübungen eine leichtere Bewegungssteuerung, egal auf welche Stilrichtungen und Anschlagsarten man zugreifen will.