Der Pianist

als Pianist gilt mein größtes Interesse den Epochen Romantik und Impressionismus. Vielleicht hat hier die abendländische Musikkultur ihren Höhepunkt gefunden. Viele mögen mir da widersprechen, aber nicht abstreitbar ist sicher, dass diese Epochen die Komplexität von Klang, Polyphonie und Virtuosität vorangegangener Epochen wunderbar miteinander vereinen und das – hierüber mag man sich wiederum streiten – auf einem Niveau wie es in nachfolgenden Epochen nicht mehr zu finden ist. Die besonderen Herausforderungen dieser Epochen auf dem Klavier sind zum einen: verschiedene Klangebenen durch unterschiedliche Anschlagsarten zu erzeugen, zum anderen: die offene, aber insbesondere auch die versteckte Polyohonie zu entdecken und gestalten zu können und des weiteren: der Virtuosität ihre Wirkung zu verleihen, ohne sie zu übertreiben und damit ihre Wucht abzumildern.

Dass Bach für das polyphone Klavierspiel die Grundlage ist und Mozart oder Czerny für eine saubere lineare Geläufigkeit, versteht sich sicher von selbst. In Liszt schein einmal die Virtuosität und Tranzendenz zu gipfeln, doch bei weitem gibt es mehr. Er mag hier nur einmal als Meilenstein seiner Zeit genannt sein, wobei sich vieles bei Chopin, Rachmaninov oder Ravel usw. durchaus gesteigert findet. Das Klavier als eine Vielzahl von Instrumenten zu begreifen, das ist mein Bestreben. Eines meiner beliebtesten Werke in dieser Hinsicht ist daher der schumannsche Zyklus „Sinfonische Etüden“ op 13. Hier werden u.a. verschiedene Orchesterinstrumente imitiert. Wird die Orgel weithin als die „Königin der Instrumente“ bezeichnet, so würde ich in diesem Sinne das Klavier als die Krönung der Instrumente sehen. Oder seine Meister, denn hier muss man die verschiedenen Instrumente „erzeugen“ können und nicht nur die passenden Register ziehen. Am Klavier kann man nahezu alle Instrumente zumindest nachahmen, da der Klavierton farbenneutral klingt. Sicherlich sehe ich es aber auch deshalb so, weil ich eben Pianist bin.

Am Klavier geht Körperwahrnehmung und Körpereinsatz direkt in die Tastatur und damit in den Klang über. Es fordert breiteste Wahrnehmung der Musik, des Körpers und des Geistes. Leider wird das Klavier (insbesondere bei Komponisten wie Chopin) oft zu „eindimensional“ gespielt. Da ist eine Melodie und die Begleitung dazu. Doch gerade Chopin ist in den Mittel- und Nebenstimmen sehr viel mehr. Kaum jemand, der die As-Dur-Ballade spielt hat das verstanden. Erst wenn man die danach entstandenen F-Moll-Ballade betrachtet, erkennt man wie bereits die As-Dur-Ballade gemeint ist. Brahms zu spielen ist gleichsam immer ein Orchester zu dirigieren. Man merkt es seiner Musik an, dass er in allen Gattungen zu Hause war und vieles spiegelt sich gerade in seiner Klavierliteratur wieder, weil ihm eben auch das Klavier als Kompositionsinstrument für die Entwürfe diente, wie übrigens bei vielen anderen Komponisten auch.

In jüngeren Jahren habe ich viele Klavierkonzerte gespielt. Immer wieder werde ich gefragt, wann ich wieder ein Konzert spiele. Ich vermisse es zur Zeit nicht. Ich konzentriere mich ganz aufs Arbeiten am Instrument, ganz ohne Zeit- und Termindruck. Es ist ein bisschen wie beim Kochen auf hohem Niveau, wo man auch nicht immer gleich ans Essen denkt. Hierbei gibt es viel zu entdecken, vor allem, dass man sich auch mit fortgeschrittenem Alter noch einmal enorm weiterentwickeln kann und dass nicht unbedingt die Aufführung der Höhepunkt des Schaffens sein muss.

Einige Pressestimmen aus den Jahren 1995 – 2008

…Seibert traf eindrucksvoll den Ton dieser tiefgründigen, in der Beethoven-Nachfolge stehenden Klaviermusik. Nicht allein die technische Beherrschung dieses Stückes machte das Zuhören zum Genuss, sondern auch die stilsichere Interpretation, die den reifen Brahms deutlich zum Vorschein brachte und der Intimität der Stücke Rechnung trug…

 

…gastierte der Marburger Pianist Dietmar Seibert in der Stadthalle in Dillenburg….. exzellente Darbietung der Sonate B-Dur D 960 von Franz Schubert mit höchster Anforderung an die Klangkultur

…Seibert gelang es mit den orchestral anmutenden, daher „sinfonisch“ genannten Etüden von Robert Schumann ein einheitliches, dem Geiste des Romantischen Komponisten entsprechendes Klangbild aufzubauen und Poesie mit virtuosem Zugriff zu verbinden… Überzeugend war auch die Konzeption, in der er in die Variationen fünf originelle Variationen aus dem von Brahms herausgegebenen Nachlass Schumanns integrierte. So bot sich dem Solisten die Möglichkeit, Spannung aufzubauen und seine pianistischen Fähigkeiten in den vielgestaltigen, technisch äußerst schwierigen, unter dem Einfluss des „Teufelsgeigers“ Paganini entstandenen Variationen mit Bravour zur Geltung zu bringen, sich zu steigern bis zum ausgedehnten Finale, das glanzvoll den Abend beschloss.

…mit viel Einfühlungsvermögen brachte Seibert die sugestive Harmonik und die geschlossenen, in sich verschlungene Melodik zu Gehör. Dietmar Seibert gelang es meisterhaft, das von Akkorden, Oktaven, Ornamenten und großräumigen Arpeggien sprühende Werk zu interpretieren…

…mit beeindruckender technischer Perfektion und Disziplin und mit einer Fülle kontrastierender Einfälle interpretierte Dietmar Seibert mit überzeugender Kompetenz.

…präzise und feinfühlig stellte der Pianist die Klavierstücke op 118 vor, in deren Melodien man sich regelrecht hineinfallen lassen mochte….Mit Feuer in Tempo und Harmonie überzeugte er in den Ungarischen Rhapsodien…

…Seibert schöpfte das Potential der komplizierten Kompositionen Schumanns virtuos aus und brachte die kompositorischen Besonderheiten dieser Musik deutlich unterscheidbar zu Gehör: Unterordnung der Harmonie unter die Melodik. beherrschende Grundrhythmen mit Neben- und Zwischentönen, poliphone Verflechtungen in jeweils eigener Poetik.

…zeigte sich der junge Pianist als Künstler, der sowohl stilsicher ausdifferenzieren konnte als auch die schlichte Melodie des Liedsatzes zart zur Geltung zu bringen vermochte. Mit Virtuosität und technischer Raffinesse überzeugte er demgegenüber bei den Werken von Chopin.

…technisch brillante Interpretation, Gleichmaß und Geläufigkeit immer wieder in einer musterhaften Vollkommenheit, wie sie selten zu hören ist.