Kritisches

Die Grenzen des Wettbewerbs. (Gedanken zu bestehenden Selbstverständnissen)

Es ist nicht so, dass ich als frustrierter, rückwärtsgewandter Dino dem gesellschaftlichen Klimawandel der Weltgemeinschaft hinterherhinke und keinen Platz mehr finde. Auch wenn ich mich hier und da dem allgegenwärtigen Modernisierungszwang entziehe, habe ich mich doch in dieser Welt eingerichtet und ziehe meine Freuden und meine Spaß aus ihr. Ich sehe aber auch, dass nicht alles ein Fortschritt ist, was als Fortschritt verkauft wird und dass es der Verantwortung und Vernunft jedes einzelnen obliegt, inwieweit er sich in den Sog absurder Automatismen hineinziehen lässt.

Was mir in dieser Zeit immer wieder aufstößt ist die allgegenwärtige Verherrlichung des Wettbewerbs. Schaut man auf die Unterhaltungsindustrie, so findet man überall die geballte Konzentration auf diesen einen Reiz gerichtet: es muss einen Gewinner geben, sonst ist es langweilig. Sogar Kochsendungen werden als Wettkämpfe ausgetragen. Man kocht gegeneinander und Zigtausende schauen an den Bildschirmen zu. Das Quiz rangeln auf allen Kanälen um Einschaltquoten. Ein gutes Drittel der Berichterstattungen ist ohnehin dem Sport gewidmet. Es geht ums Gewinnen! Jeder Song, der durchs Radio dudelt, steht und fällt mit der Summe seiner Likes. Man könnte die Liste endlos weiterführen. Alles ist einer stetigen Bewertung unterzogen, aber wir erleben doch auch, dass darüber alles immer flüchtiger, schnellebiger und wertloser wird.

Wer sich an dieses Thema annähert, läuft immer Gefahr, abgestempelt zu werden, als einer, der hinterherhinkt, den Anschluss verpasst hat, sich abgehängt fühlt und genau diese Klischees treiben voran, dass das Klima immer rauher wird. Man nimmt es selbstverständlich hin, dass marktwirtschaftliche Werte die solidargemeinschaftlichen abgelöst haben. Die Mechanismen des Marktes werden uns wie Naturgesetze verkauft, als eine Ersatzreligion, die uns die Welt erklärt. Unsere Kinder wachsen damit auf, wie anderswo in der Welt Kinder mit dem Krieg aufwachsen. Das Gegeneinander wird als Urinstinkt gepflegt. In der Arbeitswelt ist man immer weniger Kollege. Man ist KONKURRENT, im ständigen Wettbewerb um nahezu alles, was sich messen lässt. Der Wettbewerb ist zur alleinigen sinnstiftenden Maxime geworden. Wettbewerbsfähigkeit! Mit diesem Unwort legimitiert man in der Wirtschaft nahezu jede Dreckigkeit, die einmal geahndet wurde, hier und in der globalen Welt.

So ist schleichend alles, was den eigenen Vorteil sichert, tugendhaft geworden, solange es nicht grob gegen irgendwelche Gesetze verstößt und der Kader der Wirtschaftsjuristen wird vornehmlich damit beschäftigt, Wege zu finden, wie man diese umgehen kann. Doch hinterlässt Wettbewerb nicht immer nur wenige Gewinner und eine Welt voller Verlierer?

Mittlerweile sind auch Doku-Sendung mit diesem Virus infiziert. Sie werden mit Ratings aufgeputzt. Ob es um Landschaften geht, um Städte oder seltene Tierarten. Plätze von 10 – 1 werden vergeben. Dem Zuschauer wird eine künstliche Steigerung vorgegaukelt um ihn bei Laune zu halten. Fernsehsendungen werden ohnehin nur noch wegen ihrer Einschaltquoten geduldet. Sie rangeln um die besten Sendezeiten. Dokumentationen über Projekte, wie z.B. den Bau einer Brücke oder einen Schwertransport durchzieht die ständige Frage: Werden sie es schaffen? Werden sie den Zeitplan einhalten können? Wo es nichts zu wetteifern gibt, inszeniert man künstlich einen Wettlauf gegen die Zeit, als ob man soetwas nicht vorher planen würde. Dann ist es immer wieder der Sport, der durch enthüllte Dopingskandale deutlich macht, wie sinnentleert der Wettbewerb werden kann, wenn man das Ende der Machbarkeit nicht anerkennt, wenn die Steigerung an die Grenzen gerät.

Ich weiß, den Wettbewerb als treibende Kraft gab es schon immer, nicht nur im Sport und in der Wirtschaft, sondern und besonders auch in der Musik. Aber er hatte nie dieses Tempo und diese Dimension. Wie ich finde wird aber auch gerade in der Musik deutlich, wie sinnentleert der ständige Drang, immer schneller immer höher immer weiter zu wollen, werden kann (und ich meine hier das, was man einmal als ERNSTE MUSIK bezeichnete). Hier wird am deutlichsten, wie immer schnelleres Tempo alles nicht größer sondern kleiner erscheinen lässt und vor allem ausdrucksschwächer, stumpfer, flüchtiger. Man nimmt der Musik alles, was sie eigentlich ist, nämlich Ausdruckskraft, Emotion und letztlich Muse.

Ein Klavierschüler, der von Wettbewerb zu Wettbewerb hetzte, sagte einmal: „Gegen wen spiele ich denn dieses Mal?“ Hört nicht spätestens hier der Sinn der Musik auf? Oder gerade auch nicht, denn ist nicht die Musik auch immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit?

Das Bewusstsein, im ständigen Wettbewerb zu leben, um was auch immer, ist uns vertrauter geworden, als das Bewusstsein dafür, dass alles im Fluss ist oder dass wir endlich sind. Der Wettbewerb wird in allem als treibende Kraft gesehen. Doch hat sich nicht längst seine positive Wirkung ins Gegenteil gekehrt. Hat er nicht längst die treibende Kraft zu höherem Schaffen verloren? Ist es nicht gerade der Wettbewerb, der zerstört, dezimiert, abbaut? Erleben wir nicht, dass unter seiner Beschleunigung letztlich alles kollabiert, ein Irrsinn, dem schließlich alles, was einmal mit Rechtschaffenheit oder Muse behaftet war, zum Fraß vorgeworfen wird? Jeder weiß, dass er in der globalen Ökonomie vor allem eines schürt und legitimiert: die Gier.

Qualität, Nachhaltigkeit, Zufriedenheit, sind Begriffe in aller Munde, aber sie klingen für mich wie Relikte aus einem erträumten Paradies auf einem früheren Planeten, das man verzweifelt in ein paar wenigen Nischen aufrechtzuerhalten versucht. Flächendeckend findet man stattdessen die Entwertung der Superlative: bestes-, höchstes-, weitestes, schönstes-Was-auch-immer. Und wenn etwas nicht bestes-, höchstes-, weitestes-, oder schönstes- ist, wird eben der Radius enger gezogen, auf den man es bezieht. Werden wir nicht in Wahrheit alle immer ärmer, immer unfähiger, begrenzter und dümmer. Die Salonfähigkeit des Wettbewerbs lässt uns dem Wahnsinn gegenüber abstumpfen. Und so laufen wir alle in unseren Hamsterrädchen vor uns hin und sind angehalten, uns schneller zu drehen.
Januar 2017