Klaviermusik im menschlichen Gehirn

Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn

zusammengefasst von Gertrud Maier und Herbert Kerschbaumsteiner

Serielle und parallele Notentextverarbeitung am Klavier

Positionen und Bewegungsmuster von Dietmar Seibert

Wie sollte man Musik am Klavier ausführen? Die Frage stellt sich, wenn man feststellt, dass sich Passagen, die man in der Lernphase noch präzise mitdenken konnte, im Lauf der Zeit so automatisieren, dass man sie nicht mehr weiß und dass der hinzugenommene Notentext nicht verhindert, dass die Wahrnehmung der Bewegungsabläufe verblasst, je mehr man sie ausführt. Andererseits erlebt jeder, der verzweifelt versucht, jeden Ton aktiv zu denken, dass seine bereits erlernten Bewegungsabläufe wieder ins Anfangsstadium zurückzufallen scheinen. Langsam spielen, heißt es. Oder jede Hand getrennt beherrschen. Aber was ist der Sinn solcher Disziplinen? Und was, wenn auch sie im Desaster enden? Und wie soll man dann noch auf die Technik und den Ausdruck achten?

Im Unterricht versuche ich Schülern mit einer kleinen Zeichnung folgendes zu verdeutlichen: Ein Kopf mit einer übergroßen Stirn und einem verbissen dreinschauenden Gesicht. In die hochgezogene Stirn setze ich Informationen wie sie aus einem Notentext umzusetzen sind. Da gibt es Noten jeder Art, 8tel, 16tel, Pausen und Punktierungen, Notenschlüssel, Vorzeichen, Auflösungszeichen, Bindebögen, Haltebögen, Harmonieanweisungen, jede Menge Zahlen für Finger- und Rhythmusangaben und womöglich für Taktzahlen, dynamische Spielanweisungen, Akzente, Triller, Oktavierungen, Pedalanweisungen……bis man schließlich nichts mehr erkennen kann und im wörtlichen Sinne die Übersicht verliert.

In einem zweiten Kopf daneben male ich zwei Kästen, die an die einem die beiden Hemisphären ihre Aufgabenteilung assoziieren. Den einen beschrifte ich mit „Griffe“ und den anderen mit „Bewegungen“. Es wird also deutlich, dass man die Auszuführende Musik letztlich in zu greifende Positionen und darauf auszuführende Bewegungsmuster aufspalten muss. In einer zweiten, größeren Darstellung gebe ich in diese Kästen Einblick. Was befindet sich in der Griffe-Kasten? Zum einen alle Töne (Noten), alle Finger(-sätze), Notenschlüssel, Vorzeichen, Harmonie und Oktavierungsanweisungen usw. Im Bewegungs-Kasten dagegen geht es um Reihenfolgen. Reihenfolgen der Töne, Finger, um Notenwerte (Rhythmus), Lautstärke, also alle Elemente der Technik, und der Dynamik, Pedal usw.

Das Gesicht dieses zweiten Kopfes schaut wesentlich glücklicher drein. Hier wird die Musik anders umgesetzt. Die Bewegungsplanung gliedert sich in Positionen, auf denen die Finger liegen (was in der Erfassung des Klaviernotentextes den vertikalen Bildern entspricht) und in Bewegungsmuster (Bewegungsbausteine), die darauf ausgeführt werden (was der horizontalen Notentexterfassung entspricht). Wenn ich von Bewegungsplanung spreche, spreche ich gleich jenen komplexen Bereich an, der weg von verkrampftem und angespanntem Spiel hin zu vorausgeschauendem Gestalten führt, in dem sich die Musik in bequem denkbaren Einheiten ergießt und daher physisch völlig entspannt läuft.

Ich habe in meiner jahrzehntelangen Arbeit mit Schülern unterschiedlichster Begabungsgrade und Ansprüchen festgestellt, dass, egal welche Stilrichtung und welches Niveau jemand spielt, diese Aufspaltung auf spektakuläre zielführend ist, weil sie die Aufgaben des Gehirns, nämlich komplexe Bewegungsmuster auf dem Klavier zu organisieren, in Disziplinen zerlegt, die unabhängig (also auch zeitversetzt) ausgeführt werden können.

Nun gilt es an diesen beiden Disziplinen zu arbeiten. Für die Positionen gilt (deshalb nenne ich sie einfach „Griffe“, dass sie auf ganz natürliche weise gegriffen, also angefasst werden müssen, wie man beispielsweise eine Tasse anfasst. Man sieht sie grob genug, dass man sie als Ganzes erfassen kann und greift nach ihr. Die dafür notwendigen Bedingungen müssen auf der Klaviatur auch hergestellt werden. Die Positionen der Finger dürfen nicht etwa in Einzeltönen eingesammelt werden o.ä. Sie müssen, ähnlich der Tasse, als ein „Gegenstand“ erfasst werden, nachdem man greift.

Bei den Bewegungsmustern ist es zielführend, wenn sie sich in kleine, überschaubare, rhythmisch gestützte Einheiten zerlegen lassen. Sie sollten immer „rund“ verlaufen, was bedeutet, das kein Ton und keine Nuance überraschende entschieden wird und damit den Ablauf stört.

Je mehr es einem gelingt, diese Beiden Disziplinen unabhängig auszuführen, als ob es zwei verschiedene Personen tun, um so leichter und selbstverständlicher wird die Einflussnahme auf das Spiel und man schafft Konzentrationsspielräume. Am deutlichsten wird die enorme Verbesserung des Spiels, wenn man dies beim Improvisationsspiel mit festen Bewegungsbausteinen anwendet. Hieraus abgeleitet kann man im Literaturspiel ähnliche Wege beschreiten und vergleichbare Verbesserungen erzielen. Man muss hier nur etwas kreativer vorgehen und Positionen und Bewegungsmuster zu definieren.

28. September 2018